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18.04.2014,

Von: Friedemann Kohler

Pilgern, die spirituelle Schwester der Wanderlust

Pilgern für das Wohl von Leib und Seele wird auch in Hessen immer beliebter. Ein Zusammenschluss verschiedener Pilgerinitiativen zusammen mit den Diozösen und den beiden hessischen Landeskirchen planen Veranstaltungen im Sommer unter dem Titel: Hessischer Pilgersommer. lm Zeichen von Kreuz, Jakobsmuschel oder Elisabeth-Stern - auch in Hessen wird gepilgert. DieWallfahrt ist die spirituelle Schwester der Wanderlust. Sie bringt Leben in verschlafene hessischen Dörfer. Ein Bericht von Friedemann Kohler in der OP vom 19.4.2014


Wiesbaden. 'Fulda ist nicht Lourdes und Marburg nicht Santiago de Compostela, aber auch in'Hessen gibt es Ziele für Pilger. Das Pilgern, das ,,Beten mit den Füßen", ist wieder populär geworden - nicht zuletzt durch Hape Kerkelings Bestseller ,,Ich bin dann mal weg" über seine Erfahrung auf dem Jakobsweg.

In der katholischen Kirche haben Wallfahrten jahrhundertelange Tradition. ,,Die evangelischen Christen haben das Pilgern in den 90er Jahren für sich entdeckt", sagt Pfarrer Bernhard Dietrich von der Elisabethkirche in Marburg. In Hessen sind in den vergangenen Jahren entlang historischer Routen mehrere Pilgerpfade entstanden, getragen von Kirchengemeinden beider Konfessionen und von Vereinen.

Für dieses Jahr lädt ein Arbeitskreis von sechs Pilgerpfaden zum ,,Ökumenischen Pilgersommer Hessen". Auftakt ist am 20. Mai in Hochheim am Main. Dort wird das zehnjäihrige Bestehen der Bonifatius-Route von Mainz nach Fulda gefeiert. Ein Pilgerfest zu Ehren der Hl. Elisabeth in Marburg am 28. September setzt den Schlusspunkt.

"Der Unterschied zwischen Wandern und Pilgern ist von außen betrachtet kaum zu erkennen", sagt Hans-Werner Krug aus Grebenau (Vogelsbergkreis). Der frühere Berufsschullehrer engagiert sich beim Aufbau des Lutherweges 1521. Dieser soll an die Reise des Reformators Martin Luther vom Reichstag in Worms durch Hessen zurWartburg bei Eisenach erinnern.

Und doch ist Pilgern anders als Wandern, erklärt Krug. Beim Gehen mit Beten, Schweigen, Singen oder Meditieren gehe es darum, seinen Glauben zu finden, zu sich selbst zu finden. Auch die Wege sind nicht unbedingt identisch: ,,Das ist schon etwas anderes. Ein Premium-Wanderweg können und wollen wir nicht sein. Wir wollen in die Orte, zu den Menschen. Wir wollen zu den Kirchen und Begegnungen ermöglichen."

Wie viele Pilger auf hessischen Wegen unterwegs sind, ist schwer zu schätzen. Die Pilgerführer für die Elisabethpfade von Frankfurt, Köln und Eisenach nach Marburg haben sich seit 2006 etwa zehntausend Mal verkauft, berichtet Pfarrer Dietrich.

Elisabeth von Thüringen, gerüühmt für ihre Mildtätigkeit, war eine „katholische“ Heilige, doch Dietrich sieht sie als Vorbild auch für evangelische Christen. Wer nicht in einer Gruppe unter Führung eines Geistlichen unterwegs ist, erhält aus dem Pilgerbuch Anregungen für Gebete oder Meditationen. Auf der Bonifatius-Route sind monatlich etwa 1600 bis 2000 Menschen unterwegs, schätzt Pfarrer Kurt Racky aus Ortenberg- Lißberg in der Wetterau. An schönen Tagen kommen 40 bis 60 Wanderer an seiner Kirche vorbei. ,,Auch die Gastronomie ist sehr zufrieden", berichtet er.

Das Pilgern braucht nur wenig Infrastruktur, viel Arbeit wird ehrenamtlich geleistet. Die Beschilderung der Wege gehört dazu. Die Kirchen an der Strecke sollten zugänglich sein. Zwei Bänke sollte es geben -,,eine in der Sonne, eine unterm Dach", sagt Krug. Günstige Unterkünfte werden gebraucht in Gemeindehäusern, Privatquartieren oder Pensionen. ,,Die Pilger wollen ja im Normalfall nicht viel Geld ausgeben", sagt 'Racky. Und die Bevölkerung sollte nicht zu überrascht sein, wenn einmal ein Pilger um Trinken, Essen oder auch ein Nachtlager bittet.

Doch wenn all dies gegeben ist, kann das Pilgern vielen helfen - wie in alten Zeiten. Es dient dem Seelenheil des Einzelnen, dem sozialen Zusammenhalt und dem örtlichen Tourismus. ,,Einige Gemeinden im osthessischen Raum sind richtig aufgelebt", berichtet Pfarrer Dietrich über den Effekt der Elisabethpfade.