Bericht vom Pilgerweg Teilabschnitt 2011 Richtung Assisi
2. Abschnitt: Von Bretten nach Friedrichshafen am Bodensee. Pilgerweg vom 3. – 18. September 2011
Das Motto hieß: Unterwegs: Du zeigst mir den Weg zum Leben
Aus den Tagebuchnotizen einiger TeilnehmerInnen:
Im vergangenen Jahr war ich 17 Tage mit einer Pilgergruppe unterwegs von Marburg nach Bretten. Es war die erste Etappe unseres Pilgerweges nach Assisi. Bis Frankfurt am Main pilgerten wir auf dem Elisabethpfad, dann ging es weiter auf schönen Wanderwegen durch Odenwald und Kraichgau zu unserem Zielort Bretten.
Ein Weg für Wunder
Dort trafen wir uns Anfang September dieses Jahres wieder zur 2. Etappe unseres Pilgerweges von Bretten nach Friedrichshafen. Ich freute mich, altbekannte Pilgergeschwister wieder zu sehen (etwa die Hälfte der Gruppe) und neue kennen zu lernen.
Insgesamt beteiligten sich 15 Personen an diesem Weg, der 260 km lang war, und bei dem wir insgesamt 4.399 m an Steigungen zu überwinden hatten. Wer Wandererfahrung hat weiß, dass diese Steigungen Kraft und Zeit brauchen, als wären wir 44 km weiter gelaufen.
Alles was ich in diese Zeit benötigte, musste ich im Rucksack auf meinem Rücken tragen, auch das „Bett“ in Form einer Isomatte und eines Schlafsacks. Ich habe daher vieles zu Hause zurückgelassen (Kleidung, Kosmetika, ein Kopfkissen u.a.). Somit bin ich aber auch befreit von den vielen überflüssigen Dingen und Gewohnheiten, die wir Tag für Tag mit uns herumschleppen und die uns belasten.
Und ich habe mich auch diesmal von Grund auf wohl und frei gefühlt - frei für neue Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen, Tieren und Pflanzen.
Das Schönste am Pilgern ist für mich, dass jeder Tag mit einer Morgenandacht beginnt. Noch vor dem Frühstück versammeln wir uns in der Kirche, um gemeinsam das Abendmahl zu feiern. Dies ist für mich ein wunderbarer, kraftspendender Tagesanfang, und ich fühle mich geborgen in Gott und in der Gemeinschaft meiner Pilgerschwestern und -brüder.
Das Pilgerkreuz
Seit unserem Aufbruch 2010 von der Elisabethkirche in Marburg begleitet uns unser Pilgerkreuz, das wir unterwegs mit Blumen und Zweigen schmücken. Jeder Pilger, der möchte, darf das Kreuz eine beliebige Wegstrecke tragen; dabei geht es nicht immer über bequeme Wanderwege, sondern oft über staubige Feldwege, steinige Bergpfade, feuchte Wiesen, harte Teerstraßen, weichen Waldboden und manchmal auch durch Dickicht.
Unser Pilgerkreuz ist weithin Zeichen, dass wir als christliche Pilger unterwegs sind und uns an Jesus Christus orientieren wollen, der konsequent den Weg der Liebe und des Friedens gegangen ist. Wir freuen uns, wenn es ein Lächeln auf die Gesichter der Menschen am Wegrand zaubert, sie zu einem freundlichen Gruß verleitet oder sogar das Gespräch mit uns suchen lässt.
Die Gastfreundschaft
Wenn ich auf unseren vierzehntägigen Pilgerweg zurückblicke, dann bin ich erfüllt von Dankbarkeit. Es war gesegnete und prall gefüllte Lebenszeit - eine Zeit voller Geschenke: Eine wunderbare Gruppe, eine wunderbare Landschaft, viele wunderbare Wege, wunderbare Gastfreundschaft, wunderbare Stärkung an Leib und Seele!
Fünfzehnmal haben wir in ganz unterschiedlichen Häusern übernachtet und damit ja auch eine Verbindung hergestellt zwischen Menschen und ihren Orten. Meistens waren es evangelische und katholische Kirchen und Gemeindehäuser, aber auch eine Sporthalle, ein Kloster, ein Gasthof mit „Heuhotel“ und ein Campingplatz. Doch überall wurden wir in gleicher Weise überaus freundlich aufgenommen, durften uns in den Häusern frei bewegen, unsere Schlafmatten ausbreiten, uns säubern, Wäsche waschen, beten, Abendmahl feiern, uns an reichlich Essen und Trinken erquicken. Oft wurde dies von kleinen Gemeindegruppen zubereitet. Und fast immer wollte man uns dies alles schenken und wäre mit einem Dankeschön und Vergelts-Gott zufrieden gewesen.
Aber wir merkten auch, dass die Kraft und der fröhliche Geist unserer Gruppe an diesen Orten manch Gutes bewegte und Ermutigung zurückließ. Wir brachten ja offensichtlich etwas mit vom Frieden Jesu und dem belebenden Geist Gottes, etwas von der Liebe der Elisabeth und der „Demut“ des Franziskus. Je weiter wir von Marburg weg sind, umso erstaunlicher wirkt ja unser Auftauchen: „Na schaut mal, welch langen Weg diese netten Christen zu Fuß zurückgelegt haben, extra um uns hier in unserer Gemeinde zu besuchen!“
Weg-Erfahrungen
Weil wir von Bretten im Badischen nach Friedrichshafen am Bodensee wollten, mussten wir uns eine eigene Wanderroute suchen. In unserer Richtung gibt es dort keine hilfreichen Fernwanderwege. Diesen Weg mussten wir uns vorher auf Karten zurecht legen (wer von uns hätte eine Erkundungstour machen können?). So geriet unser Pilgerweg täglich zu einer wunderbaren Mut- und Vertrauensübung. Denn es war nicht immer einfach, die mitgeführte selbst gebastelte Wanderkarte mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen. Immer wieder wurden Abzweigungen übersehen, Entfernungen falsch geschätzt, Markierungen verschiedener örtlicher Wanderwege vergeblich gesucht. Trotzdem fanden wir immer in angemessener Zeit ans Tagesziel. Zu unseren Lernübungen gehörte auch, die eigene Unkenntnis zuzugeben und Passanten oder Anwohner in ihren Häuser um Ortsbestimmung und Wegweisung zu bitten. Das war auch für mich selbst eine wichtige Lernaufgabe, die ich mit Franziskus so benenne:
Demut üben
„Fehler eingestehen“ hieß das bei der Wegsuche! Aber Demut üben, oder um mit Franziskus zu reden, „auf dem Boden bleiben“ („humilitas“, das lat. Wort für Demut kommt von „humus“ = Erde), das mussten einige auch, wenn es beim Wandern um das Tempo und die Kraft ging. Wer lieber viel schneller vorangekommen wäre, musste seine Gelassenheit verstärken, nicht lauthals Druck machen, sondern die andern auf eher sanfte Weise mitnehmen, sie aber auch ermuntern und ermutigen, sich mehr zuzutrauen, die wachsende Kraft einzusetzen, größere Schritte zu wagen - vor allem aber: ein Ziel erreichen zu wollen: also nicht dahinschlendern, sondern zügig gehen und merken, dass da Einer oder eine Kraft zieht nach dem Motto:
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.“
Wie mit einem König unterwegs
Ich habe mich ganz oft gefühlt, als reisten wir in des Königs Gefolge: Wo wir ankamen, wurden keine kargen oder nur nahrhaften Pilgermahlzeiten hingestellt, sondern es wurden Festessen aufgetischt, Kuchen, Obst, Suppen, köstliche Gemüsegerichte und Vieles mehr!
Dazu der Weg: Nicht auf einem roten Teppich, aber ein grüner Teppich war unter unseren Füßen. Wenn wir einen Aufstieg geschafft hatten, wurden wir reich belohnt: Das Land breitete sich vor uns aus, weit und breit kein Mensch zu sehen außer uns. Als wäre die ganze Schönheit nur für uns da! Wie im Märchen des Gestiefelten Katers fragte ich mich: Wem gehört das Land? Es ist Gottes gutes Land. Er ist mein Vater, ich bin sein Kind – und habe Anteil an soviel Reichtum!
Überall standen Obstbäume am Weg. Wie die Vögel unterm Himmel wurde ich ernährt ohne zu sammeln und zu sorgen. Köstlich schmeckten Pflaumen, Äpfel, Birnen, Walnüsse, Brombeeren. Die Liebe Gottes konnte ich schmecken, riechen, sehen, erleben!
Eine wesentliche Erfahrung war, dass meine Kraft abends fast immer völlig aufgebraucht war. Abends hätte ich nicht mehr weitergehen können. Ich musste darauf trauen, dass mir über Nacht neue Kraft geschenkt wird. Am nächsten Tag ging es zumindest wieder so weit, dass ich losgehen konnte und wollte. Ungewiss noch, ob ich den ganzen Weg des Tages schaffen könnte. Wirklich überrascht war ich in den ersten Tagen, wenn ich wieder angekommen war. Jeden Tag habe ich den Weg, wenn auch langsamer als die anderen, geschafft. Wie beim Manna, dem Himmelsbrot, gab es nur jeden Tag soviel Kraft wie ich brauchte. Ganz dankbar schaute auf jeden dieser Tage zurück.
Dankbar bin ich auch für die Begegnungen in der Gruppe. Wir teilten die Müdigkeit und die Schmerzen (besonders in den ersten Tagen). Es war gut, zu wissen, dass die anderen auch nicht mühelos auf dem Weg sind. Wir teilten die Erleichterung, wir lachten und blödelten viel miteinander. Durch die Gespräche zu den Schweige-Weg-Impulsen wurden auch die jeweiligen Erfahrungen als GottessucherInnen miteinander geteilt.
Unterwegs war genug Zeit, miteinander intensive Gespräche zu führen.
Gut getan hat mir auch die gegenseitige Fürsorge in der Gruppe. Jede und jeder brachte sich irgendwie für die anderen ein, bereitete Frühstück, kümmerte sich um die Wegführung, gestaltete Andacht oder Schweigeimpulse usw.


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