Bericht vom Pilgerweg Richtung Assisi 2010
Der erste Abschnitt führte uns von Marburg über Frankfurt nach Bretten. Vom 12. – 29. September 2010 waren wir unterwegs. Das Motto hieß: Christusnachfolge einüben und sich dabei von Elisabeth anregen lassen. In den kommenden 4 Jahren werden wir den Weg abschnittweise weiter gehen - bis zu unserem Ziel: Asissi.
Auf dem Vorplatz der Elisabethkirche in Marburg sind beim Pilgerbrunnen drei Wegweiser im Boden eingelassen: nach Frankfurt, nach Eisenach, nach Köln: drei Städte, die durch einen Elisabethpfad mit Marburg verbunden sind.
In einigen Jahren könnte man vielleicht einen weiteren Wegweiser anbringen: 1500 km nach Assisi. Zumindest fing jetzt eine Gruppe unter der Leitung von Paul Martin Clotz („Pilger-Paul“) an, von Marburg nach Assisi zu pilgern. In fünf Jahresabschnitten und Pilgerwanderungen von jeweils 14 Tagen soll so eine Verbindung hergestellt werden zwischen der Stadt des Franziskus und der Grabeskirche der mittelalterlichen Frau, die sich als Franziskanerin verstand.
Bildergalerie: Pilgerweg 2010 Richtung Assisi
In der ersten Woche wurde der Elisabethpfad 1 von Marburg nach Frankfurt benutzt. Entsprechend war die geistliche Gestaltung der Pilgerwanderung von Elisabeths Frömmigkeit geprägt. Ihr Name bedeutet „Mein Gott ist die Sieben“. Und die sieben Werke der Barmherzigkeit, wie sie in Matthäus 25,31-46 beschrieben und in einem der Chorfenster in der Elisabethkirche dargestellt werden, bestimmten ihre Jesusnachfolge: Beides hilfreiche Anregungen für die Gestaltung geistlichen Wanderns. Jeden Morgen in der Andacht wurde dieser Bibeltext aus Mt. 25 gelesen, und dann tagsüber in den meditativen und stillen Zeiten eins dieser christusgemäßen Werke bedacht:
- So., 12.9.: Hungrige speisen
- Mo., 13.9.: Durstige tränken
- Di., 14.9.: Obdachlose beherbergen
- Mi., 15.9.: Nackte bekleiden
- Do., 16.9.: Kranke pflegen
- Fr., 17.9.: Gefangene besuchen
- Sa., 18.9.: Tote bestatten (dieses 7. Werk wurde erst später in der kirchlichen Tradition hinzugefügt).
Diese Fragen waren für die Beschäftigung mit diesen Bibeltexten wichtig:
Wann und wie ist mir dieses in meinem Leben geschehen?
Wann und wie habe ich solches anderen Menschen geschenkt?
„Hungrig“, „durstig“, „gefangen“, „tot“ usw. kann ja auch im übertragenen Sinn verstandenen werden. Ergeben sich daraus für mich weitere wichtige Erkenntnisse bei der Grundfrage allen Pilgerns: Wie hat mich Gott auf meinem Lebensweg begleitet?
Der Pilgerweg begann am Sonntag, 12. September, in der Marburger Elisabethkirche mit dem Gottesdienst um 10 Uhr. Dabei feierte die Elisabethkirchengemeinde ihr jährliches Fest der „Pilgerkirche“. In ihm wirkten Pilgerinnen und Pilger mit, die am Samstag, 11.9., von Eisenach her angekommen waren. Die „Assisi-Gruppe“ wurde in besonderer Weise für den langen Weg ausgesandt und gesegnet. Gegen 13 Uhr brachen die 14 Frauen und Männer nach einer Pilgermahlzeit auf dem Kirchplatz auf zur ersten Tagesstrecke nach Niederwalgern. Die nächsten Quartiere waren:
Montag, 13.9.: Fellingshausen (ca. 23. km). Dienstag, 14.9.:Naunheim (21 km). Mittwoch, 15.9.: Cleeberg (23 km). Donnerstag, 16.9.: Usingen (18 km). Freitag, 17.9.: Oberursel (20 km). Samstag, 18.9.: Frankfurt-Bockenheim (Jakobsgemeinde) (20 km).
Sonntag, 19.9.: Feier- und Ruhetag in Bockenheim. Dort wurde morgens der Gottesdienst in der katholischen Elisabethkirche mitgefeiert.
Für die Hälfte der Gruppe war in Frankfurt Schluss. Eine Frau und vier Männer kamen aber neu hinzu für den weiteren Weg bis nach Bretten. Jetzt wurde der Europäische Fernwanderweg X 1 benutzt.
Elisabeths Leben war äußerlich und innerlich ein fortwährendes Aufbrechen: Aus der ungarischen Heimat fort nach Eisenach, von der Wartburg hinab ins Siechenhaus, von der Landgrafen-Würde zur armen Krankenpflegerin, vom Schloss in den „Sumpf“ vor den Toren Marburgs; von der geachteten Fürstin zur verachteten Krankenpflegerin, von der mächtigen Landesherrin zur ohnmächtigen Dienerin usw. Auch in ihrer Frömmigkeit und Jesusnachfolge sehen wir solche starken Brüche.
Ähnliches beobachten wir bei Franziskus. Und überdeutlich ist, dass dies alles herrührt vom Vorbild Jesu, der auch aus seiner angestammten Rolle in Familie, Beruf und Dorf ausbricht und zum Wanderprediger wird.
Vor diesem Hintergrund sollte es jetzt beim weiteren Pilgern um die Frage gehen, welche Aufbrüche es im eigenen Leben gibt – oder noch geben müsste. Heraus aus Eingefahrenem und Verkrustetem! Hin immer mehr zu einem Leben in der Nachfolge Jesu und im Vertrauen auf die gute Begleitung Gottes!
Die weiteren Stationen waren: Montag, 20.9.: Dreieichenhain (21 km). Dienstag, 21.9.: Roßdorf (24 km). Mittwoch, 22.9.: Reichenbach (21 km). Donnerstag, 23.9.: Birkenau (23 km). Die hessische Grenze wurde überquert. Jetzt befand man sich im Badischen. Freitag, 24.9.: Ziegelhausen (22 km). Sonnabend, 25.9.: Rauenberg (25 km). Sonntag, 26.9.: Feier- und Ruhetag in Rauenberg. Montag, 27.9.: Münzesheim (24 km). Dienstag, 28.9.: Bretten (17 km).
Mit einer Ausnahme war die Pilgergruppe immer zu Gast in einer evangelischen Kirchengemeinde und erlebte dabei überaus herzliche Gastfreundschaft. Gemeindehäuser wurden fürs Essen (Kochen) und Schlafen zur Verfügung gestellt, und die Kirchen zur Feier der Gebetszeiten und des Abendmahls. Eigentlich war es überhaupt nicht schwierig gewesen, die Gemeinden um dieses „Werk der Barmherzigkeit“ zu bitten. Gerne gingen sie auf die Anfrage ein und meistens bemühten sich ganz liebe Menschen aus diesen Gemeinden, alle Wünsche zu erfüllen.
Nicht nur Räume und Hausschlüssel stellte man voller Vertrauen zur Verfügung, sondern auch Zeit, Getränke und Lebensmittel. Manchmal waren wunderbare Mahlzeiten vorbereitet (Gemüsesuppen, Kartoffeln mit grüner Soße, Gemüseaufläufe, Nudeln mit Pilzsoße, Salate, selbst gemachte Maultaschen, Kürbissuppen…), ganz zu schweigen von Kaffee und Kuchen zur Begrüßung.
Am Morgen beim Aufbruch bedankte die Gruppe sich bei den Gastgebern sehr herzlich, sang das Pilgerlied „Segen von Gott für alle deine Wege“ und hängten ihnen den siebenzackigen Elisabethstern um den Hals. Manchmal wirkte das wie eine Ordensverleihung, und die so Geehrten hatten hin und wieder eine Träne in den Augen.
So wurde Gastfreundschaft erlebt, immer als zweiseitiges Geschehen, als Geben und Nehmen, bei dem sich alle reich beschenkt fühlten.
Wie üblich begleitete ein Pilgerkreuz diesen Weg. Es ist ein Kreuz, das schon im Jahr 2008 auf einer Pilgerwanderung von Marburg nach Eisenach dabei war. Sorgfältig und liebevoll wurde es immer wieder mit Blumen und Früchten des Herbstes geschmückt und drückte so die Hoffnung aus, dass dies ein Weg im Namen Jesu sei, der zum Leben in Fülle und voller guter Früchte führt.
Jetzt steht dieses Kreuz im Pfarramt Bretten und wartet, dass es im nächsten Jahr wieder aufgegriffen und weiter getragen wird Richtung Assisi – im Jahr 2011 bis zum Bodensee.
Einige Stimmen von Teilnehmern – einige Wochen nach dem Pilgern:
Mir hat diese Woche wirklich viel gebracht. Habe viel erleben können, innere Einkehr gehalten, liebe Menschen kennen gelernt und Dinge an mir festgestellt, wo ich dachte, sie wären schon lange erledigt gewesen. Man lernt eben nie aus! Und das ist gut so!
Ich denke noch oft und dankbar an unsere gemeinsame Woche und bin sogar ein ganz klein bisschen stolz, dass ich alles so gut überstanden habe. Das macht für das nächste Jahr Mut.
Der Oktober hat sich in den schönsten Farben gezeigt, ein Ausgleich für den verregneten Sommer. Ich habe kräftig Farben gesammelt, wie Frederik. Zu den Farben gehören natürlich auch die 18 Tage pilgern.
Es war eine gute, spannende, auch anstrengende Wanderung, die nicht den Himmel auf die Erde gebracht hat, mich aber und wohl auch viele der MitpilgerInnen sehr mit der Erde verbunden hat, auch mit unseren Grenzen und Schwachstellen. Mal sehen, ob und wie wir daran arbeiten können, und immer besser zurecht kommen mit allen Einschränkungen und Herausforderungen - auch mit der, mit sich selbst barmherzig sein zu dürfen.
Es wäre schön, wenn wir alle den Kontakt bis zum nächsten Pilgern halten können.
Bericht von Paul Martin Clotz


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